Spiegel
In den Tiefen blauer Kinderaugen,
liegt ein Suchen im Verborgnen,
nach des eignen Antlitz Morgen,
spiegelnd in des Tages Licht.
So klar und voller Unschuld noch,
sieht es hinauf - und doch,
was wohl den Glanz des Goldes hat,
erscheint so leer, so fahl, so matt.
Das war der Anfang nun
und anstatt in sich zu ruhn,
bleibt das Bild, welches gesehn,
starr und grau im Selbst dort stehn.
Verzerrte Welt und in den Weiten,
beginnt das Leben auszugleiten.
Schleierhafte Macht im Spiel,
verdeckter Blick vor fernem Ziel.
Das Suchen jedoch wird nie enden,
denn aus den Tiefen ruft es laut:
mit eigner Kraft das Schicksal wenden,
schälen aus der fremden Haut!
So fragt sich, wo das Ufer ist,
mit des Wassers weiser Sicht.
Doch ganz nah der Abstand misst,
langsam tastend ohne Licht.
Zögernd nun der Fuß am Rand,
spürt unter sich den warmen Sand.
Der erste Blick - so zögerlich,
das ist die Angst vorm eignen Ich.
Und dann, ganz plötzlich, still und klar,
wird lang Ersehntes wirklich wahr.
So schön ist, was das Wasser zeigt,
dass selbst die Sonne sich verneigt.
Jetzt, sich selbst endlich gewahr,
lebt Vertrauen immerdar
und trägt uns wie auf Händen fort,
an des eignen Lebens Ort.
© Holger Rudolph 2003